Monatsspruch September 2011

Bild von Giselbert Hoke
Jesus Christus spricht:
Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
da bin ich mitten unter ihnen.

(Matthäus 18,20)
Zu diesem Bild von Giselbert Hoke in Verbindung mit diesem Bibelwort denke ich an die Begegnung der beiden Jünger mit dem auferstandenen Jesus Christus auf dem Weg nach Emmaus.
Vor drei Jahren war ich auf einer Pilgerreise in Jerusalem an diesem Ort. Der Bericht des Evangeliums nach Lukas nennt zwar als Entfernung von Jerusalem zwei Wegestunden, die Forschung kann aber den konkreten Ort bis heute nicht sicher lokalisieren, denn es gab in alter Zeit zwei Orte, die den Namen Emmaus hatten.
Der Evangelist erzählt die Geschichte dieser Begegnung sehr ausführlich: Jesus schloss sich den beiden auf dem Weg nach Emmaus an, „aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten“. Sie berichteten dem „Fremden“ einerseits von ihrer zerstörten Hoffnung auf die Erlösung Israels, und andererseits zeigten sie sich noch erfüllt von Hoffnung auf Jesu Auferstehung. Ihre Enttäuschung wird durch ihr schnelles Weggehen aus Jerusalem deutlich. Aber der Auferstandene lässt sie nicht gehen, er geht ihnen nach, beredet mit ihnen in aller Ruhe die Situation und kehrt schließlich bei ihnen ein und nimmt ihr Herz ein. Nachdem sie beim gemeinsamen Abendmahl ihren auferstandenen Herrn erkannt hatten, machten sie kehrt, gingen nach Jerusalem, zur Wirkungsstätte Jesu, zurück und meldeten den Freunden: „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden“.
„Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ So fragten die beiden Emmaus-Jünger einander, denen Jesus auf dem Weg der enttäuschten Hoffnung begegnet war. Können die Emmaus-Jünger ein Bild sein für uns Menschen, deren Herz oft von Sorgen und Zweifeln zugedeckt ist?- so fragt ein Ausleger dieser Bibelstelle. Sie hatten ihre Hoffnung auf Jesus gesetzt, doch er ist zum Tod verurteilt und hingerichtet worden. Ihre Hoffnung ist enttäuscht, ihre Stimmung niedergeschlagen. Sie sehen keinen Sinn mehr für ihr Leben, sie gehen fort von Jerusalem.
Was hilft ihnen in ihrer Situation? Es ist gut, dass sie zu zweit sind und miteinander reden können. Jesus tritt zu ihnen hinzu und begleitet sie. Sie erkennen ihn nicht. Es tut ihnen gut, dass der Unbekannte sie anspricht. Er erklärt ihnen den Sinn des Geschehenen. Es tut ihnen gut, dass sie sich aussprechen können und er ihnen zuhört. Behutsam versucht er, ihnen den Sinn der Schrift und damit den Sinn des Geschehens zu erklären.
Er nimmt sich Zeit für sie und lässt sich von ihnen zum Abend einladen. „Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“ Mit brennendem Herzen, mit neuer Hoffnung, mit neuem Lebensmut kehren sie nach Jerusalem zurück zu der Gemeinschaft der Jünger, die sie verlassen hatten.
Wir fragen: Auf welchem Weg sind wir? Auf dem Weg der enttäuschten Hoffnung, weg von der Gemeinschaft der Jünger? Vielleicht traurig, niedergeschlagen: Es hat ja alles keinen Sinn? – Wer solche Situationen erfährt, dem tut es gut, wenn jemand ihn anspricht, ihm zuhört und behutsam den Sinn des Lebens deutet. Wir können aber auch fragen: Wartet jemand auf uns, dass wir ihn ansprechen, so dass er sich bei uns aussprechen kann, sich verstanden und angenommen fühlt? Können wir ihm helfen, in seinem Leben wieder einen Sinn zu entdecken?
Die Emmausgeschichte will uns sagen: Jesus lebt. Er kann auch heute Menschen auf ihrem Lebensweg begegnen! „Brannte uns nicht das Herz?“ Es wird deutlich, wie wichtig es ist, Menschen zu begegnen, die einen ansprechen, die einen verstehen, Menschen, denen man sich in seiner inneren Not anvertrauen kann, Menschen, die den Sinn des Lebens aufzeigen können und Mut zum Leben machen, Menschen, die über dieses rein Menschliche hinaus von ihrer Begegnung mit Jesus sprechen und einladen können, seine Gegenwart im Gebet, im Wort der Schrift und in der Feier des Heiligen Abendmahls zu erfahren. Uns allen möchte ich wünschen, dass auch wir in Situationen der Hoffnungs- und Mutlosigkeit solchen Menschen auf unserem Weg begegnen.
Auf die gemeinsame Zeit mit Ihnen allen freut sich

Ihr Michael Petzoldt, Pfarrer i.R.