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Orthodoxe Christen besser verstehen (17): Kyrie eleison Wenn wir eine Kirche während des Gottesdienstes betreten, erleben wir es im-mer wieder: Ein Kyrie eleison reiht sich ans andere, nicht nur ein Kyrie, nein drei, neun oder gar siebenundzwanzig folgen auf eine Fürbitte, eine Fürbitt-Litanei folgt auf die andere: "Wieder und wieder lasset uns in Frieden zum Herrn beten: Kyrie eleison." Ja, ist denn Gott ein Monarch, der seine Untertanen gern sein Allmacht spüren lässt und eine Bitte erst dann erhört, wenn sich der Bittende gebührend in den Staub geworfen hat? So könnte es manchmal scheinen. Doch ändern wir einmal unsern Blickwinkel: Ist nicht immer wieder einmal unser Herz so voll von Verzweiflung, dass in ihm gar nichts anderes Platz hat als der Ruf der Verzweiflung: "Herr, erbarme dich?" Eine schwere Krankheit, eine zerbrechende Ehe, ein Kind in großer Gefahr, der Friede in der Welt – wie gut tut es da, dass es einen Ort gibt, an dem ich einstimmen kann in die unendliche Fürbitte, die die Last der ganzen Welt vor Gott bringt. Und wenn dies gerade nicht meine Situation ist, dann ist es vielleicht die meiner Nachbarin, irgendeines anderen, der mit mir Gottesdienst besucht. Aber dieses immerwährende Kyrie kann auch noch eine ganz andere Bedeutung haben: Die Orthodoxe Kirche kennt mehr als die westliche das "immerwährende Gebet", in das Gläubige sich allmählich hineinfinden. Ein einziger kurzer Gebetssatz, stets wiederholt, verbindet sich allmählich mit dem eigenen Atem und bleibt so im Hintergrund beständig gegenwärtig, während die Seele sich ganz dem Wirken Gottes öffnet. "Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!" kann ein solcher Satz sein. Dann ist das Kyrie eleison vor allem das Geländer, an dem sich die betende Seele festhält, wenn sie sich auf den Weg macht dahin, wo sie Gottes Stimme zu vernehmen hofft. Es geht dann nicht mehr darum, jedes einzelne gesprochene Wort zu bedenken, sondern sich von den immer wiederkehrenden Worten tragen lassen. Meist gelingt dies nur mit geduldigem Üben, aber manchmal wird dem Betenden plötzlich eine Ahnung geschenkt davon, dass Gott gegenwärtig ist und zur Seele spricht, nicht nur so ganz allgemein, sondern auch ganz persönlich zu meiner Seele. Das Wort "Jesus" schenkt eine Ahnung seiner Gegenwart, nicht nur einen Augenblick lang, vielmehr eine Gegenwart, die bleibt und trägt, ob ich sie nun spüre oder nicht. Auf einmal höre ich das Wort, das meiner Seele die Klarheit und innere Ruhe schenkt, die sie braucht für den nächsen Schritt. Und wenn es mir auch zu schwer erscheint, eine solche Art des Beten wirlich zu üben, dann kann es doch geschehen, dass mir eine solche Erfahrung in den Schoß geworfen wird, so wie alle wesentlichen Dinge des Glaubens uns erreichen auf dem Weg der Gnade, die Gott beständig reichlich austeilt. Christine Friebe-Baron, Pfarrerin |