Orthodoxe Christen besser verstehen (16):
Ein alter Brauch am Karfreitag



Ihr habt es gewiss schon beobachtet: Wenn am Nachmittag des Karfreitags der Epitaph, das Abbild der Grablegung Christi, feierlich geschmückt in der Kirche aufgebaut steht, dann kommen viele, um den Epitaph zu küssen. Und einige tun etwas für uns Befremdliches: Sie kriechen auf allen vieren unter dem Epitaph hindurch. Auch während der abendlichen Prozession tun das manche. Warum tun sie das? Ein uralter Brauch ist das, fest verwurzelt in den Herzen vieler Gläubigen.
Wenn wir den Brief des Apostels Paulus an die Römer im 6. Kapitel aufschlagen, entdecken wir dort den Satz: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?“ (6,3). Im Vers 5 des gleichen Kapitels steht, wenn wir wortwörtlich übersetzen: „So wie wir hineingepflanzt sind in das Abbild seines (Christi) Todes, so werden wir es auch sein in das Abbild seiner Auferstehung“.
„...hineingepflanzt in das Abbild seines Todes...“ Ein schwieriges, aber auch starkes Bild, das Paulus da verwendet. In der Taufe stirbt der Mensch, so jung oder alt er auch sein mag. Jesus nimmt uns gleichsam bei der Hand und führt uns durch seinen Tod hindurch. Und er führt uns weiter ins Geschehen der Osternacht: Ein neuer Mensch ersteht. Der alte Mensch bleibt zurück, und an Jesu Hand erwacht ein neuer Mensch zum Leben. Wir gehen hinein in den Tod Christi, schlagen da gleichsam Wurzeln, und dann, wenn Jesu Tod sich wandelt in seine Auferstehung, da gehen wir, die wir in seinem Tod fest verwurzelt sind, diesen Weg auch mit, nichts kann uns dann noch von Christus trennen.
„Hineingepflanzt in das Abbild seines Todes“..: Wenn ich unter dem Epitaph hindurchkrieche, da begebe ich mich ganz und gar hinein in das Abbild von Christi Tod. Mein Weg zur Auferstehung führt durch diesen Tod hindurch, wenigstens einen Augenblick lang bin ich ganz und gar verborgen in diesem Tod. Ich mache mich klein, löse mich gar auf, und nachher bin ich nicht mehr dieselbe wie vorher. Ich bin einen mystischen Weg gegangen, so kurz der Augenblick auch gewesen sein mag. Ich habe in einer symbolischen Handlung etwas von meinem Glauben erlebt, und das geht mir mehr zu Herzen, als wenn ich nur die schwierigen Worte des Paulus höre.
Wer diesen Weg mit Christus mitgeht, für den ist es auch stimmig, wenn ganz am Ende des orthodoxen Karfreitagsgottesdienstes, schon mitten in der Nacht fast, an die Gläubigen Hände voller Blüten ausgeteilt werden mit dem Wunsch: „Gesegnete Ostern!“ Denn Jesus liegt nicht mehr im Grab, er geht seinen Weg durch das Reich des Todes, er bricht dessen Pforten auf, ruft Adam und Eva aus ihren Gräbern und alle, die nach ihnen verstorben sind. Der Tod muss sie alle freigeben, sie, die er doch so sicher in seinem Besitz glaubte. Niemand bleibt zurück; Jesus nimmt sie alle mit aus dem Reich des Todes heraus. „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1.Kor 15, 55).

Auch wir, die wir hineingepflanzt sind in das Abbild von Christi Tod, wir gehen an seiner Hand diesen Weg zum Leben mit. Und darum können wir schon am Abend des Karfreitages von Ostern sprechen, denn diese zwei Tage gehören zusammen, so fest wie die beiden Seiten einer Münze. Wer hineingeht in Christi Tod, der wird nicht im Grabe bleiben. So viel ist gewiss.
Christine Friebe-Baron, Pfarrerin

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