Orthodoxe Christen besser verstehen (15):
Staunen statt erklären



"Wo nehmen wir den Stern her? Uns lenken rote Ampeln..."
So beginnt ein modernes Weihnachtslied. Der Verfasser lässt das Geschehen der Heiligen Nacht an seinem geistigen Auge vorüber ziehen:
Weise Männer aus östlichen Ländern, die einem Stern folgen - kann man sich das vorstellen? Heute wird sich jemand, der sich auf eine schwierige Suche einlässt, zwar im übertragenen Sinn auch von einem Stern leiten lassen, von dem Sateliten nämlich, der sein GPS-System bedient. Aber Männer, die nichts als einen neuen Stern am Himmel sehen, die wirklich gar nichts Handfestes vorweisen können, sondern nur einer inneren Überzeugung folgen, wohin auch immer die sie geleiten wird - das müssen wir erst einmal uns selbst erklären, bevor wir bereit sind zu singen.

Ganz anders dieser Text aus der orthodoxen Weihnachtsliturgie:
Was sollen wir dir bringen, o Christus,
weil du als Mensch unter uns erschienen bist?
Jedes Geschöpf, das dir unterworfen ist, bringt dir die Gabe seines Dankes:
die Engel ein Loblied, die Himmel einen Stern,
die Weisen Geschenke, die Hirten ihre Bewunderung, die Erde eine Höhle.
Wir Menschen bringen dir die Jungfrau-Mutter.
O du, der du bist vor aller Zeit, erbarme dich unser.

Wer so singt, beginnt nicht bei sich selbst und seinem eigenen Bemühen, das Geschehen der Heiligen Nacht in seiner Welt irgendwie begreiflich zu machen. Der orthodoxe Text beginnt vielmehr gleich mit dem Wunder der Weihnacht, das seinen Ausgang genommen hat bei Gott, der Mensch geworden ist. Die Engel, die Sterne, gleichsam stellvertretend für die Welt des Himmels, bringen Gott Geschenke der Dankbarkeit, genauso wie die Weisen, die Hirten, ja die ganze Erde. Und wir Menschen insgesamt, damals wie heute? Wir bringen das Wunderbarste, weil noch nie Dagewesene: die Jungfrau, die zugleich Mutter ist. Wir bringen die junge Frau aus Nazareth, die nun nicht mehr einfach die Tochter von Joachim und Anna ist, sondern die von Gott dazu auserwählt wurde, in ihrem Schoß Gott Mensch werden zu lassen, Gottesgebärerin zu sein.

Wir westlichen Christen bleiben oft hängen an der Frage: Wie sollen wir das verstehen, wie uns das vorstellen? Die orthodoxe Theologie lebt vom Staunen über das Wunder. Sie freut sich darüber, dass Maria so offen war für Gott, dass sie zur offenen Tür wurde, durch die Gottes Welt in unsere Menschenwelt hineinscheinen konnte. Diesen einen, so besonderen Menschen bringt die Menschheit Gott als Gabe, das Schönste und Höchste, was sie hervorzubringen vermochte.

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